The Wholeness Work – 74. ECA Fachartikel

The Wholeness Work – 74. ECA Fachartikel

Imaginative Ganzheitsarbeit im Grenzgebiet von Achtsamkeit und Gelassenheit, Meditation und Spiritualität.

Von Dr. Ludger Brüning

Der Ansatz

Der neue Ansatz der US-amerikanischen Therapeutin Dr. Connirae Andreas schafft einen Brückenschlag über höchst subjektive Erfahrungsbereiche hinweg und bietet einen strukturierten Pfad nachhaltiger Veränderungsarbeit, der sich als zentrale Coaching-Methode, als ergänzendes Tool oder auch als angeleitete Einübung zur Stärkung der Selbstwirksamkeit von Coachees nutzen lässt.

Achtsamkeit kann eine Kraft, Spiritualität eine Stärke sein. Sinnhaftigkeit und medizinischer Nutzen von Achtsamkeitsarbeit und Meditation wurden längst aufgezeigt und im westlichen Kulturkreis werden beide Erfahrungsbereiche zum Teil auch eigenständig und ohne religiös-weltanschauliche Einbettung genutzt. So kann Achtsamkeit etwa als Voraussetzung und Basis von Emotionaler Intelligenz, im weiteren Sinn auch von Salutogenese und Resilienz gesehen werden. Umgekehrt führen Achtsamkeitsarbeit und Meditation in höchst subjektive Erfahrungsbereiche, bei denen abklärende Beschreibungsversuche leicht an ihre Grenzen gelangen. Dementsprechend wird manches in verheißungsvolle Metaphern gefasst und werden umgekehrt Präzisierungsversuche durch strukturierte Anleitungen schnell mit Verwunderung als einengende Verzerrung wahrgenommen. Auch der Einbezug fernöstlicher Traditionslinien ist nur bedingt hilfreich. Es gibt letztlich eine Vielzahl möglicher Auslegungen und Bedeutungen, die sich in der kulturgeschichtlichen, rezeptionsgeschichtlichen und anwendungsspezifischen Entwicklung ergaben und sich in der Breite der Publikationen zu Achtsamkeit, Meditation, Spiritualität, Awakening, Erleuchtung, Einssein, Ganzsein und Kongruenz widerspiegelt.

Connirae Andreas umschifft diese Klippen souverän. Sie lässt sich in ihrer Methodenpräsentation nicht auf die vielfältigen Traditions- und Diskussionslinien ein, die ihr vertraut sind, sich aber auch eher für einen akademischen Diskurs eignen. Eher beiläufig verweist sie auf Herkunftsformen in der fernöstlichen Spiritualität und auf ihre eigenen biographischen Motive. Sie steigt da ein, wo die anderen Ansätze aufhören, von wo aus eigentlich das mit Achtsamkeit Empfundene wahrgenommen wird. Dadurch vermag sie bei aller Einzigartigkeit subjektiver Wahrnehmungen eine Strukturierbarkeit des Vorgehens aufzuzeigen, die auch Ungeübten zu einem leichtgängigen Geländer wird. So wird, ähnlich wie bei manchen Vorgehensweisen im NLP, EMDR oder der Klopf-Akupunktur, falls vom Coachee gewünscht, ein weitgehend inhaltsfreies Arbeiten möglich. Verkürzt könnte man zur Vorgehensweise sagen: „Folge den Orten deiner inneren Wahrnehmungen. Neue Wege imaginativ-meditativer Veränderungsarbeit zwischen Achtsamkeit und Spiritualität.“ Der Ansatz profitiert von den langjährigen Vorerfahrungen seiner Entwicklerin in Trance-Arbeit, NLP und Meditation.

Die Entwicklerin

Connirae Andreas studierte klinische Psychologie und promovierte in Psychotherapie. Sie ist seit Ende der 1970er Jahre auf dem Gebiet der Persönlichkeitsentwicklung tätig und wurde international vor allem durch die Entwicklung der „Core Transformation“ bekannt, eines Prozesses, der sich vor allem an Menschen richtet, die sich mit der Kern-Frage ihres Lebens beschäftigen.

Zusammen mit ihrem Mann, Steve Andreas, gab sie basierend auf Workshops von Richard Bandler und John Grinder, die ersten praktisch umsetzbaren Bücher zum neu entstehenden NLP heraus. Steve und Connirae hatten einen wichtigen Anteil an seiner frühen Verbreitung und begleiteten dessen weitere Fortentwicklung gemeinsam und auch unabhängig voneinander durch das überarbeiten und entwickeln weiterer Formate, die je nach Betrachtungsweise als Ergänzung des „klassischen NLP“ oder teilweise auch als eigenständige Ansätze gesehen werden können. So entstand etwa zeitgleich mit dem von Francine Shapiro begründeten EMDR die Eye Movement Integration (EMI), die ein komplexeres Arbeiten zulässt. Ähnlich wie ihr 2018 verstorbener Mann blieb Connirae weiter an therapeutischen Fragen interessiert und zählt zum Beirat des Ausbildungsteams des Research & Recognition Projects, das unter anderem wirksame Methoden zur Behandlung von PTBS bei Veteranen in den USA und Großbritannien untersucht.

Ihr bekanntestes Werk, der „Core Transformation Process,“ war 1989 aus dem Versuch heraus entstanden, jenes Gefühl tiefen Wohlbefindens und allumfassenden Okay-Seins wiederzuerlangen, dass sie einstmals, 1979, nach einem Workshop bei Milton H. Erickson empfunden hatte. Aus Seminarerfahrungen, die sie und ihre Schwester Tamara mit der Methode machten, entstand schließlich 1994 eine erste Buchausgabe. Inzwischen erschien ihre Arbeit in 14 Sprachen. Eine lebensbedrohliche Erkrankung führte Connirae Andreas schließlich jedoch erneut auf die Suche. Sie führte zu einem teilweise ähnlichen, aber doch ganz anders ausgerichteten Ansatz der Veränderungsarbeit, der „Wholeness Work“.

Die Methode

Die Vorgehensweise der „Ganzheitsarbeit“ ist einfach zu verstehen, zu lernen und umzusetzen. Sie eignet sich unmittelbar zur Bearbeitung von Alltagsthemen, kann je nach Übung und Bedarf aber auch wesentlich tiefer gehen. Ausgehend von einem belastenden Thema oder Erlebnis folgt sie zunächst der ausgelösten Empfindung, dann in imaginativen Schritten dem Ort, von wo aus diese wahrgenommen wird, um dann zu fragen, von wo aus dieser Ort wiederum wahrgenommen wird. Dabei werden ähnlich wie in Formen von Trance-Arbeit die jeweiligen Positionen möglichst konkret nach Ort, Form, Größe und weiteren Charakteristika zu bestimmen versucht.

Auf Aus- oder Umdeutungen, Fragen nach Grund oder positiver Absicht wird gänzlich verzichtet und stattdessen die Aufmerksamkeit ganz auf die Empfindungsqualität gerichtet. Die Frage nach dem Wahrnehmungsort, von dem aus diese jeweils erfasst wird, wird fortgesetzt bis die Empfindungen sich immer weniger präzise beschreiben lassen. Häufig ist das nach der dritten oder manchmal auch erst nach der fünften Position der Fall. Von dort werden rückläufig diese „kleinen Ichs“, die als verengte Wahrnehmungen analog zu einer zur Faust geballten Hand verstanden werden, „eingeladen“ sich wieder im allgemeinen Bewusstsein aufzulösen, bis zuletzt auch die ursprüngliche Gefühlsreaktion aufgelöst werden kann und eine ganzheitlichere Wahrnehmung und Sicht entsteht.

Dies kann zu einer größeren Bewusstheit, einer umfassenderen Wahrnehmung, größerer Klarheit, innerer Balance und auch zu einem ausgeprägteren Selbst-Bewusstsein führen. Es geschieht nicht konfrontativ durch Ausgrenzung, Zwang oder Überdeckung von unliebsamen Persönlichkeitsanteilen, sondern durch innere Integration der Kette der Wahrnehmungspositionen, die so auch zu wiederholter Reflexion oder täglicher Meditationsroutine einladen. Dementsprechend betont Connirae Andreas die „Sanftheit“ der Vorgehensweise, die auf jedes Drängen und jede Anstrengung verzichtet.

 Die bisher publizierte Einführung

 Eine erste Publikation zur Methode erschien zunächst 2018 auf Englisch unter dem Titel „Coming to Wholeness. How to Awaken & Live with Ease“ bei Real People Press in den USA. Im Sommer 2020 erschien beim Junfermann Verlag die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Auf dem Weg zur Ganzheit. Mit der Wholeness-Methode zur persönlichen Transformation.“

Ebenso behutsam wie im beschriebenen Coaching-Prozess ist bis ins Detail hinein der Aufbau des Grundlagenbuches gestaltet. Auch wenn sich Teilnehmer früherer Workshops dankbar an diese umfassende Handreichung an Detailreflexionen und Wirkungsimpressionen erinnern werden, ist es vor allem für den interessierten Laien geschrieben, der sich ohne irgendwelche Vorkenntnisse in irgendeinem der genannten Gebiete der Methode in seinen ganz eigenen Bedürfnissen und Wahrnehmungsweisen zu nähern versucht. Connirae Andreas führt wie in einem Workshop den Leser durch Perspektivierungsschritte und Übungen, die bei aller Einfachheit im ersten Zugang für Außenstehende auch ungewohnt irritierend sein können. Sie nimmt den Leser bei der Hand, holt ihn bei seinen Unsicherheiten, seinem möglichen Erwartungsdruck oder auch bei seinen Projektionen immer wieder ab und baut seine Erfahrungstiefe im engen Austausch und im steten Wechsel von Wiederholung und Vertiefung immer mehr zur Selbst-Wirksamkeit aus. Sie lässt ihn an Seminar-Sequenzen teilnehmen und gestaltet das Buch selbst wie in einem engen Dialog mit dem Leser, der durch Antizipationen, Einführungen, Demos, Teilnehmerreflexionen, Selbstbeobachtungen der Autorin und ergänzende Hinweise eng begleitet und immer wieder ermuntert wird, weiterzulesen und den nächsten Schritt zu gehen.

Ebenso einladend ist die Weiterführung zu Meditation und Spiritualität, die sich an die Einführung an den Basis-Prozess anschließt: ein Angebot zur Vertiefung in Nachhaltigkeit schaffender täglicher Routine ohne missionarische Attitude. Connirae Andreas vermittelt ein grundlegendes Vertrauen in das System von Körper und Geist und den Prozessverlauf, in ein Nicht-alles-wissen-Können und ein Nicht-alles-wissen-Müssen. Das Buch ist von einer tiefen Demut vor der Vielfalt möglicher Erfahrungen und Wahrnehmungen und der Zuversicht in deren konstruktive Kraft gekennzeichnet. Alles kann geschehen und alles ist okay – auch das Abschweifen der Gedanken in der Meditation auf Früheres oder Zukünftiges. So diskutiert sie in einem eigenen Unterkapitel vor dem Hintergrund ihrer eigenen Suche und Erfahrungen auch „Mythen der Meditation.“

Der Unsichere oder Neugierige kann das Buch beinahe an jeder Stelle öffnen, mal hier, mal dort lesen. Die enge und wiederholende Verwobenheit des Buches streift in äußerer Betrachtung beinahe die Grenzen des Redundanten. Doch gerade dieses stellt sicher, dass Leser ohne Vorerfahrungen sich nicht irritiert, verwirrt oder überfrachtet abwenden. Insofern kann es auch in formaler Hinsicht als Lehrstück für die Vermittlung ungewohnter Inhalte in der Persönlichkeitsentwicklung dienen und darüber hinaus als Muster für gute Seminar-Konzeption gelten.

Dem geübten Leser geben die wiederholend-weiterführenden Passagen die Möglichkeit der eigenen Selbstvergewisserung. Auch wenn die übersichtliche Gestaltung zur Suche nach dem zusammenfassenden Überblick verleitet, sei empfohlen, Buch, Argumentation und Übungen von Anfang an zu folgen und immer wieder inne zu halten, da sich nicht im schnellen Durchblättern, sondern nur im steten Mitvollzug die Wirkung der Vorgehensweise schrittweise aufbaut.

Ob gesundheitliche Wirkungen jenseits von Placebo-Effekten möglich sind, mag dahingestellt bleiben. Connirae Andreas berichtet von einer breiten Palette von zum Teil auch weitgehenden Rückmeldungen, aber auch von ihrem eigenen schwierigen Weg. Sie versucht auch hier sachlich zurückhaltend und relativierend keine falschen oder überhöhten Erwartungen zu wecken. Zugleich verweist sie aber auch auf weitere Vorgehens- und Anwendungsmöglichkeiten. Diese sollen in Folgebänden analog zu Fortgeschrittenen-Seminaren aufgezeigt werden.

Über den Autor: Dr. Ludger Brüning arbeitet seit 1987 in der Erwachsenenbildung und seit 2002 als Trainer und Coach auf Deutsch und Englisch. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind: schwierige Situationen/Gespräche, selbstsicheres Auftreten, Führungs- und Teamsituationen, (Neu-)Orientierung, Visionsbildung, Sinnfindung, Empowerment, Stressmanagement, Resilienz sowie Interkulturelle Kompetenz. Dr. Brüning absolvierte verschiedene Trainer- und Coaching-Ausbildungen und ist unter anderem Certified Business Trainer, Certified Business Coach, Systemischer Coach, Lehrcoach/Lehrtrainer (ECA) und NLP-Lehrtrainer und Master Coach (DVNLP). Er war 2009 bis 2014 Vice President der ECA und 2016 bis 2018 Vorstand Presse und Öffentlichkeitsarbeit des DVNLP. Er ist aktuell Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der ECA. www.bruening-training.de.

6. Januar 2021 / by / in ,
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