Brücken bauen statt Mauern: Emotionscoaching im Jahr 2030

Brücken bauen statt Mauern: Emotionscoaching im Jahr 2030

Ein ECA Fachartikel von Dirk W.  Eilert

Sie haben einen wichtigen Termin in der Innenstadt. Sie sprechen in Ihre Smartwatch: „Taxi bitte!“ Fünf Minuten später steht ein selbstfahrendes Auto vor Ihrer Haustür. Als Sie gerade Ihre Wohnung verlassen wollen, fragt eine freundliche Stimme: „Wann bist du wieder da? Ich würde dann wie jeden Abend warmes Wasser in die Badewanne einlassen.“ Sie antworten: „Heute Abend nicht, Siri.“ Die Tür fällt hinter Ihnen zu. Im Gehen rufen Sie noch „Bitte schließ die Tür ab“. Sieht so der Alltag im Jahr 2030 aus? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wirklich in die Zukunft sehen kann niemand. Wir können nur erahnen, was vor uns liegt. Und: Wir können unsere Zukunft proaktiv beeinflussen – jeder Einzelne von uns, gemeinsam gelingt dies aber noch viel mehr. Doch um sie zu gestalten, müssen wir wissen, in welcher Zukunft wir leben möchten. Eine Frage, die in unserer von Veränderung und Digitalisierung geprägten Welt immer wichtiger wird. Vor allem im zwischenmenschlichen Bereich kann die technische Entwicklung Folgen haben, die wir uns nicht wünschen: Wollen Sie zum Beispiel in einer Welt leben, in der Ihre Brille die Emotionen anderer Menschen liest? Vielleicht klingt dies erst einmal verlockend. Doch unser Gehirn funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Use it or lose it. So wie heute kaum noch jemand eine Straßenkarte lesen kann, weil ein Computer uns die Navigation im Straßenverkehr abnimmt. So laufen wir auch Gefahr, wichtige soziale Fähigkeiten wie Empathie zu verlieren, wenn wir sie blind an technische Helfer delegieren. In diesem Beitrag möchte ich Sie einladen, Coaching neu zu denken. Sich Gedanken zu machen, wie Coaching als Dienstleistung in zehn Jahren aussehen soll. Denn als Coach bestimmen Sie genau dies mit – durch Ihr Denken und Handeln im Heute.

Ich beschäftige mich mittlerweile seit über 20 Jahren mit Coaching und Strategien der persönlichen Veränderung, insbesondere im Bereich des Emotionscoachings. Ende der 1990er Jahre lernte ich NLP, die Neurolinguistische Programmierung. Eine Intervention, die es mir besonders angetan hatte, war die „schnelle Phobietechnik“ (auch als visuell-kinästhetische Dissoziation bekannt). Bei dieser Technik zur Auflösung von blockierenden Emotionen, wie z.B. Ängsten, sieht der Klient sich selbst vor seinem inneren Auge sitzend in einem Kinosaal, wie er von dort aus sein Selbst auf der Leinwand von außen betrachtet, wie er eine emotional stressende Situation erlebt. Dieser in doppelter Dissoziation erlebte innere Film wird dann zurückgespult. Mit dieser Intervention habe ich Anfang der 2000er Jahre in Coachings sehr erfolgreich Hunderte von Ängsten aufgelöst. Dann lernte ich 2001 wingwave® kennen – eine Coachingmethode, deren Hauptintervention in der Stimulation schneller Augenbewegungen besteht. Dabei folgt der Klient den Handbewegungen des Coaches. Auch damit erzielte ich sehr schnelle und nachhaltige Erfolge. 2003 lernte ich bei Fred Gallo die energetische Psychologie kennen. Eine Methode, die über das Klopfen auf bestimmte Punkte am Körper blockierende Emotionen auflöst. Auch wenn ich anfangs skeptisch war, so funktionierte auch dies hervorragend in der Arbeit mit meinen Klienten. In den folgenden Jahren konzentrierte ich mich zwar auf die Arbeit mit wingwave – sowohl als Coach als auch als Lehrtrainer in 120 Ausbildungen zum wingwave-Coach, die ich in den letzten 12 Jahren mit weit über 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gegeben habe –, aber eine Frage blieb: Wie kann es sein, dass es ebenso wirkt, wenn ich meine Klienten darum bitte, einen inneren Film zurück zu spulen, mit ihren Augen den Bewegungen meiner Hand zu folgen oder auf bestimmte Punkte an Körper zu klopfen? Was ist der gemeinsame Wirkfaktor?

Eine Frage, die mich sicherlich nicht zuletzt bewegt, weil ich neben anderen Ausbildungen auch NLP-Lehrtrainer bin. Die Suche nach gemeinsamen Wirkfaktoren ist die „Seele“ der Neurolinguistischen Programmierung. Diese Frage bewegt mich aber auch aus persönlichen Gründen. Ich bin in Berlin aufgewachsen, im Westteil der Stadt in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer. Mein Onkel, der Bruder meines Vaters, lebte mit seiner Familie in Ost-Berlin. Alle zwei bis drei Monate besuchten wir sie. Als Kind konnte ich nicht verstehen, warum wir eine Grenze passieren mussten, um unsere Familie zu besuchen. Ich erinnere mich noch heute an den 9. November 1989, ein Donnerstag. Damals war ich 12 Jahre alt. Es war 23:22 Uhr als ich im Wohnzimmer die Stimme meines Cousins hörte. Ich hatte schon geschlafen. Als ich aufstand und ins Wohnzimmer ging, traute ich meinen Augen nicht. Ich bekomme noch heute Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment denke. Vielleicht war es dieser Augenblick, der mein Denken prägte, sodass ich seit jeher automatisch Dinge vernetze und verknüpfe, mich frage: Was ist die Verbindung zwischen den Dingen? Und dass ich ebenso sehr betroffen bin, wenn ich die Gesellschaft und Weltpolitik betrachte und bemerke, wie Mauern statt Brücken in den Köpfen und Herzen gebaut werden. Dies fällt mir auch im Coachingmarkt immer wieder auf. Hier braucht es dringend ein Umdenken, einen Perspektivwechsel.

Die Wissenschaft hat mittlerweile auf die Frage nach den übergeordneten Wirkfaktoren erfolgreicher Veränderung spannende Antworten gefunden. Denn neue Erkenntnisse, vor allem der Gehirnforschung, enthüllen immer klarer, warum bestimmte Interventionen im Coaching wirken – wie zum Beispiel die schnellen Augenbewegungen, die auch im EMDR Anwendung finden. Die Studienergebnisse sind sehr faszinierend und spannend – und haben die Art und Weise, wie wir Emotionscoaching verstehen und anwenden, bereits heute stark verändert. Zu verstehen, warum und wie genau bestimmte Interventionen so wirkungsvoll sind, hilft, als Emotionscoach gezielt und flexibel am Klienten orientiert neue Interventionen zu entwerfen und noch punktgenauer sowie effektiver zu arbeiten. Die neuronalen Prozesse zu begreifen, die in einem erfolgreichen Emotionscoaching ablaufen, ermöglicht es Ihnen, als Emotionscoach effektiver und nachhaltiger zu arbeiten. Denn wie bereits der renommierte deutsche Psychotherapieforscher Klaus Grawe 2004 formulierte: Psychotherapie wirkt, wenn sie wirkt, darüber, dass sie das Gehirn verändert. Diese Aussage gilt ebenso für ein erfolgreiches Coaching allgemein und ein wirksames Emotionscoaching im Besonderen. Doch wie lässt sich solch eine Veränderung möglichst leicht, effektiv und nachhaltig erreichen?

Bild: Eilert AkademieDie wissenschaftliche Forschung hat in den letzten Jahren vor allem fünf Wirkfaktoren entdeckt, die eine erfolgreiche Veränderung im Coaching ausmachen. Diese lauten:

Therapeutische“ Allianz: Die essentielle Grundlage jedes Emotionscoachings ist die Qualität der Beziehung zwischen Coach und Klient. Das Arbeitsbündnis, häufig als „therapeutische“ Allianz bezeichnet, gilt in der Forschung als der wichtigste übergeordnete Wirkfaktor jeglicher Veränderungsarbeit – unabhängig vom methodischen Ansatz.

Relational-motivationale Klärung: Coach und Klient entwickeln anhand eines fundierten Modells ein Verständnis dafür, wie der Klient sein Thema kognitiv und emotional repräsentiert. Es geht darum, die individuelle Problemstruktur zu verstehen, um so die passende Intervention auszuwählen.

Aktivierung von Ressourcen: Der Coach hilft dem Klienten vorhandene emotionale Ressourcen aufzuspüren und für den Veränderungsprozess nutzbar zu machen. Dies ist einer der zentralen Schritte im Emotionscoaching und in jeder anderen wirkungsvollen Veränderungsarbeit.

Core-Aktivierung: Core-Aktivierung bedeutet: Das emotionale Kernthema des Klienten wird in der Coachingsitzung mit den damit einhergehenden Emotionen, Gedanken und Körperempfindungen aktiviert und damit erlebbar wie veränderbar gemacht.

Emotionsregulation: Die Emotionsregulation schließt sich organisch an die Aktivierung des emotionalen Kernthemas an: Mittels Interventionen, die auf den aktuellsten Erkenntnissen der Gehirn- und Emotionsforschung aufbauen, werden dysfunktionale emotionale Blockaden aufgelöst, sodass der Klient seine Emotionen wieder als Kraftquelle erfährt.

Aufbauend auf diesen fünf Wirkfaktoren habe ich 2018 den emTrace®-Emotionscoaching-Ansatz entwickelt. TRACE steht dabei für ein Akronym, mit dem Sie sich die fünf oben genannten Wirkfaktoren leicht merken können. Ich spreche hier bewusst von Coachingansatz und nicht von Methode. Denn meine Vision für das Coaching, wie wir es 2030 betrachten werden, ist integrativ und methodenübergreifend. Dazu möchte ich mit emTrace einen Beitrag leisten. Ich verstehe es deshalb als integrativen Kurzzeit-Emotionscoaching-Ansatz, der sich an vier Leitwerten orientiert. Diese bilden das Fundament des emTrace-Coachings und der konsequenten und methodenübergreifenden Weiterentwicklung des Ansatzes:

  • Wirksamkeit: Wir konzentrieren uns auf die Erkenntnisse und Coachingtechniken, die effektiv, leicht und nachhaltig die gewünschte Veränderung beim Klienten erzielen.
  • Wissenschaftlichkeit: Wir bauen auf die Inhalte und Modelle, deren Wirksamkeit und Stimmigkeit in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen wurden.
  • Integration: Wir suchen nach den gemeinsamen Wirkfaktoren unterschiedlicher Coachingmethoden – also nach den verbindenden Elementen, welche die Wirksamkeit trotz unterschiedlicher Herangehensweisen erklären. In diesem Sinn versteht sich emTrace als integrativer Emotionscoaching-Ansatz.
  • Innovation: Wir vertrauen neben der Wissenschaft ebenso auf kreative Experimentierfreudigkeit, um so aufgrund der praktischen Coachingerfahrungen, emTrace als integrativen Ansatz konsequent weiterzuentwickeln.

Allzu oft erlebe ich am heutigen Coachingmarkt eine starke Begrenzung und Fixierung auf bestimmte Verfahren – statt auf Wirkfaktoren und Leitwerte. Doch ist es dem Klienten nicht letztlich egal, mit welcher Methode er sein Ziel erreicht? Kein Klient interessiert sich für eine Methode. Klienten kommen ins Coaching, weil sie sich eine kompetente und fundierte Begleitung wünschen, von Mensch zu Mensch. Hier gilt es häufig, dass eigene Ego als Coach und eine eventuelle Methodenverliebtheit zurückzustellen. Zugunsten des Klienten und der Wirksamkeit des Coachings. Denn je besser das Coaching auf den Klienten und seine Bedürfnisse wie konkreten Ziele ausgerichtet ist, desto wirksamer ist es. Möchten Sie sich als Mensch und in Ihrer Kompetenz als Coach entwickeln und im Sinne Ihrer Klienten coachen, hören Sie auf Ihr Herz und halten Sie sich am besten fern von dogmatischen Sichtweisen, die sagen, nur das Eine würde funktionieren. Die Zukunft des Coachings ist integrativ.

Und genau dazu möchte ich Sie einladen: Lassen Sie uns das Coaching 2030 integrativ und methodenübergreifend denken. Bauen wir Brücken statt Mauern. Lassen Sie uns beginnen, Coaching nicht an Methoden, sondern an übergeordneten Wirkfaktoren auszurichten. Beginnen Sie noch heute damit, die fünf übergeordneten Wirkfaktoren erfolgreicher Veränderung zu nutzen, um Ihre Coachingkompetenz kontinuierlich zu reflektieren und zu verbessern. Denn die fünf Wirkfaktoren lassen sich leicht in eine praktische Checkliste umwandeln, die Sie nach jedem Coaching durchgehen können, um die Wirksamkeit einzuschätzen und um gleichzeitig zu erkennen, welche Wirkfaktoren Sie noch mehr trainieren und ausbauen können:

Auf einer Skala von 0 bis 10 (0 bedeutet gar nicht, 10 bedeutet voll und ganz), wie gut ist es mir in der Coachingsitzung gelungen, …

  1. … einen vertrauensvollen Kontakt zu meinem Klienten aufzubauen, sodass er/sie sich emotional geöffnet hat? (® „Therapeutische“ Allianz)
  2. … die richtigen Fragen zu stellen, um das emotionale Kernthema effektiv zu erfassen? (® Relational-motivationale Klärung)
  3. … emotionale Ressourcen bei meinem Klienten zu identifizieren und gezielt zu aktivieren, um das innere Erleben zu balancieren? (® Aktivierung von Ressourcen)
  4. … das emotionale Kernthema mit den dazugehörigen Emotionen und Körperempfindungen angemessen zu aktivieren? (® Core-Aktivierung)
  5. … dysfunktionale emotionale Blockaden punktgenau zu lösen? (® Emotionsregulation)

Ich wünsche Ihnen bei der Entwicklung Ihrer integrativen Coachingkompetenz von Herzen einen inspirierenden und berührenden Lernprozess. Die fünf übergeordneten Wirkfaktoren sind auf diesem Weg sehr nützliche Begleiter, die Ihnen die Orientierung enorm erleichtern.

Dirk W. Eilert, Jahrgang 1976, ist Experte für emotionale Intelligenz, Entwickler der Mimikresonanz®-Konzepts und des emTrace®-Emotionscoaching-Ansatzes. Als einer der führenden Emotions- und Körpersprache-Experten im deutschsprachigen Raum ist seine Expertise regelmäßig in Radio, TV und Printmedien gefragt. Dirk W. Eilert ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebt in Berlin und leitet dort die Eilert-Akademie, die als Lehrinstitut von der ECA (European Coaching Association) anerkannt ist. Mehr Informationen unter www.eilert-akademie.de.

 

24. November 2020 / by / in ,
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